Von der Trübung des Urteilsvermögens, von Blindheit, Sünde und Dummheit sowie von Obama und von Trump

Aus dem mittlerweile ja berühmten und berüchtigten Fernsehinterview mit Madeleine Albright, Bill Clintons UN-Botschafterin, “60 Minutes”, May 12, 1996:

Lesley Stahl zur Frage der Sanktionen gegen den Irak:

“We have heard that a half million children have died. I mean, that’s more children than died in Hiroshima. And – and you know, is the price worth it?”

Madeleine Albright:

“I think this is a very hard choice, but the price – we think the price is worth it.”

Hier kann man es sich anhören:

Als Politzyniker kann man natürlich sagen: wie kann sie so dumm sein, auf diese Frage so direkt zu antworten! Sie hat sich später auch über die Frage beklagt („loaded question“) und ihre Antwort bedauert. Jedenfalls die Wirkung ihrer Antwort.

Aber natürlich geht es nicht darum. Die Sanktionen gegen den Irak waren ein enormes Verbrechen. Sie waren unnötig und teilweise böswillig. Die Opferzahl ist strittig; es mögen viel weniger gewesen sein, oder auch mehr, ich weiß das nicht. Entscheidend ist, dass Opfer in diesem Ausmaß überhaupt in Kauf genommen wurden.

Ein enormes Verbrechen.

Hauptverantwortlicher: Bill Clinton, unter Druck natürlich von republikanischen Hardlinern wie Jesse Helms, ab 1994 Vorsitzender des Senate Foreign Relations Committee, aber er war der Präsident, und als Präsident ist er verantwortlich dafür, was er tut. The buck stops on his desk.

Dabei war Bill Clinton mir immer sympathisch.

So richtig auf meinen Radar ist die Sache erst im Vorfeld des Irakkriegs geraten, im Laufe des Jahres 2002. Und ich musste mich fragen:

Wo war ich eigentlich in der Zeit? Was habe ich über dieses Verbrechen gewusst, was hätte ich darüber wissen müssen? Und was habe ich dagegen getan?

Ich kann mich nicht erinnern, was ich in den Neunzigern darüber gewusst habe. Irgendwas, irgendwo gelesen, sicherlich.

Die Sanktionen wurden in der Presse gelegentlich thematisiert, aber eigentlich nur vom Umfeld (oder Nach-Feld) der Friedensbewegung wirklich problematisiert, so jedenfalls das Ergebnis einer oberflächlichen Google-Suche. Internet hatte ich seit 1997, war aber noch nicht abseits des Mainstreams unterwegs.

Dagegen getan habe ich nichts. Obwohl sie auch in meinem Namen waren. Treibende Kraft waren die USA und Großbritannien, aber Deutschland hing da ja letztlich immer mit drin und dran. Obwohl mir das Hemd zwar näher als der Rock, ein irakisches Kind oder allgemein ein irakischer Mensch aber nicht weniger wert ist als andere, mir unbekannte Menschen.

Vielleicht wäre es angemessen, sich ob dieser Unterlassung wenigstens mal ein paar Nächte schlaflos im Bette zu wälzen. Habe ich bisher nicht getan, doch wesentliche Erkenntnisse habe ich aus dem ganzen Thema mitgenommen:

Solch große Verbrechen wurden auch in meinem Namen begangen.

Von Menschen, die mir sympathisch sind.

Von Menschen, die nicht an sich böse sind.

Und ich habe nicht hingeschaut.

Und die Presse hat das Entscheidende nicht berichtet.

Und die Conclusio:

Solch große Verbrechen werden vielleicht heute wieder begangen, auch in meinem Namen.

Von Menschen, die mir sympathisch sein mögen.

Von Menschen, die nicht unbedingt „böse“ sind.

Und die Presse ist desinteressiert, oder berichtet vielleicht falsch darüber.

Und ich muss wenigstens hinschauen. Und dann entscheiden, was zu tun ist.

Seit 9/11 habe ich sehr intensiv die US-amerikanische Presse und Politblogszene gelesen. Im Vorfeld des Irakkriegs konnte man staunend beobachten, wie ein ganzes Land, bzw. mindestens das politische und mediale Establishment dieses Landes, einer massiven kollektiven Störung des Urteilsvermögens unterlag. Offensichtliche Propaganda wurde blind geglaubt und weiterverbreitet, die alleroffensichtlichsten Fragen wurden nicht gestellt, Kritik wurde unterdrückt oder verzerrt, Kritiker wurden verächtlich gemacht. All dies geschah in einer weitgehend uniformen, massiven, mir vorher kaum vorstellbaren Weise.

Ich habe die geistigen Mechanismen dahinter nicht verstanden. Ich hatte nicht verstanden, dass die meisten Menschen und gerade und leider die meisten Journalisten eben doch geistige Lemminge sind, trotz des zu vermutenden Selbstbilds als kritische, autonome Geister. Wirklich verstanden habe ich es heute immer noch nicht, aber die entsprechende Materialsammlung ist seither stark angeschwollen.

Meine Lehre aus dem Irakkrieg: die große Mehrheit des politisch-medialen Establishments eines demokratischen Landes mit freier Presse kann auch in sehr wichtigen Fragen in einer von vornherein klar absehbaren und nicht zu entschuldigenden Weise vollkommen falsch liegen. Und das kann überall passieren.

Die deutsche Presse war in dieser Frage natürlich skeptischer gewesen, und weniger enthusiastisch, denn wir hatten ja die Kränkung von 9/11 nicht erlebt. Auch bei uns allerdings wurde offensichtliche Propaganda unhinterfragt weitergegeben und offensichtliche Fragen blieben ungefragt.

Bald nach der Besetzung Iraks dämmerte es einigen und später vielen in den USA, welch ein Fehler der Krieg gewesen war. Eine meist zarte Selbstkritik der Medien begann. Seltsam nur: wer die Kriegspläne kritisiert hatte, hatte zuvor als unseriös gegolten und galt nun weiterhin als unseriös. Die Dummköpfe und Verbrecher aber, die ihn herbeigeführt und herbeigeschrieben hatten, waren immer noch obenauf, waren weiterhin die Ernstzunehmenden in den Talkshows und Kommentarspalten.

Als Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten hatte Howard Dean 2004 von seiner Gegnerschaft zum Irakkrieg profitiert; genügt hat es letztendlich nicht.

Für Obama hingegen mag dieser Aspekt 2008 letztendlich ausschlaggebend für den Sieg über Hillary Clinton gewesen sein.

Dass Obama in Afghanistan und Irak in der Zwickmühle saß, in der er die USA nicht selbst gebracht hatte, ist klar.

Aber trotz aller Lehren aus dem Irakkrieg wiederholt er den Fehler in Libyen im Jahr 2011. Er war nicht die treibende Kraft, so scheint es, hat sich von Sarkozy und Cameron und Hillary Clinton dort eher hineinziehen lassen, doch er war der Präsident und verantwortlich für das, was er tat. Wie auch Sarkozy und Cameron verantwortlich waren für das, was sie taten. Und die Presse, und diesmal auch die deutsche Presse, spielte wieder die gleiche unkritische Rolle. Es geht gegen den pöhsen Diktator, mehr muss man nicht wissen. Was kümmern uns die Folgen. Wenn in einer Kriegssituation die Meldung lanciert wird, Gaddafi habe seinen afrikanischen Söldnern Viagra gegeben, damit sie besser vergewaltigen können, dann sollte bei jedem Journalisten der Bullshit-Detektor ganz heftig zu blinken beginnen. Dann sollte er das nicht auf die Titelseite hieven und bestenfalls mit sehr spitzen Fingern und sehr kritischem Abstand zitieren. Aber nein, zu viel verlangt.

26.500 Einsätze hat die NATO über Libyen geflogen und Zehntausende von Bomben abgeworfen. 5.900 (angeblich) militärische Ziele wurden vernichtet. Die Anzahl der Opfer kenne ich nicht. Tausende bestimmt. Soldaten sind übrigens auch Menschen.

Zehntausende werden in Libyen seitdem ihr Leben gelassen haben. Ein (nicht exklusiv) westliches Verbrechen. Obama hätte es zumindest verhindern können.

Nie habe ich irgendwo gelesen, was eigentlich die Erwartungen von Obama, Sarkozy und Cameron hinsichtlich des Ergebnisses ihres Angriffskriegs waren. Frieden, Wohlstand und Demokratie für Libyen? Hätte man das glauben können?

Ein Land zerstört.

Seit 2011 oder spätestens 2012 Unterstützung der Rebellen/Terroristen/Aufständischen in Syrien. Wieder dasselbe Muster. Um die Folgen macht man sich keine Gedanken. Bzw. keine, die man sich zu äußern traut. Hunderttausende Tote, ein Land zerstört. Treibende Kraft: Katar, Saudi Arabien, die Türkei, Obama eher zögerlich, Hillary Clinton wohl kriegerischer.

Der amerikanischen und deutschen Presse reicht der pöhse Diktator. Was kümmern uns die Folgen. Lange Zeit wurde uns suggeriert – bzw. versucht zu suggerieren; die Leser waren ausweislich der Forenbeiträge oft klüger als die Journalisten – es handle sich um den von innen getragenen Widerstand demokratischer Kräfte gegen ein finsteres Regime. Ich dachte mir damals schon, Jungs und Mädels, wann merkt ihr es endlich, was das für Leute sind. Es hat die Kopfabschneiderei gebraucht, um auf den IS aufmerksam zu machen, aber das hat nicht genügt. Die Berichterstattung über Aleppo ist eine der lächerlichsten Episoden deutscher Mediengeschichte, an die ich mich erinnere.

2013/2014: Einmischung der USA in der Ukraine. Ein Land, zerrissen, weiter verarmt, Konflikt mit Russland. Was kümmern uns die Folgen.

Warum all dies noch einmal? Nichts davon ist neu oder originell.

Weil ich vieles immer noch nicht verstanden habe und gerne verstehen möchte.

Wie können Politiker und Journalisten dieselben Fehler so oft wiederholen?

Denken so viele Menschen an entscheidender Stelle nicht über die Folgen ihres Tuns nach, immer wieder?

Was denken sie dabei stattdessen?

Muss nicht jedem auffallen, dass in der öffentlichen Diskussion über Irak, Libyen, Syrien und die Ukraine – wie übrigens auch in der Flüchtlingskrise – die zu erwartenden Folgen eine völlig untergeordnete Rolle gespielt haben, wenn überhaupt irgendeine? Dass diese Diskussion von einer Seite geradezu aktiv verweigert wurde?

Waren die Folgen gleichgültig? Waren sie so, wie sie waren, vielleicht doch beabsichtigt?

Warum ist Verantwortungsethik so außer Mode?

Ich arbeite weiter an den Antworten für mich selbst. Vielleicht kann mir jemand dabei helfen.

Barack Obama ist mir als Individuum sympathisch. Ich mag seinen Stil. Er ist mir persönlich viel lieber als Trump. Barack Obama hat allerdings mit Drohnen Tausende von Menschen getötet, er war darin auch persönlich sehr aktiv involviert. Nicht nur böse Terroristen. Und gibt es etwas menschlich Ekelhafteres als „double tap strikes“, bei denen absichtlich diejenigen getötet werden, die den Opfern nach einem Drohnenangriff zu Hilfe kommen? Barack Obama hat mit seinen Interventionen Tod über Zehntausende und Leid über Hunderttausende gebracht. Hillary Clinton ist mitverantwortlich.

Trump hat bisher keine Menschenleben auf dem Gewissen. Das wird schon noch kommen, fürchte ich, es kommt wohl mit dem Amt. Er sagt zu Russland und Syrien aber das meines Erachtens Richtige und so bin ich vorsichtig optimistisch, dass sein Headcount letztlich unter dem von Obama liegen wird. Zu Syrien hat er sich schon 2013 mehrfach geäußert, nicht erst seit er Kandidat ist, siehe z.B. hier:

Uncool formuliert; sicherlich.

Der Furor, in der Trump viele Menschen und die Mainstream-Medien versetzt, auch und gerade in Deutschland, überrascht mich nicht. Er hat das Seinige dazu getan, ganz bewusst. Seine Präsidentschaft bedeutet die ultimative narzisstische Kränkung seiner Gegner, denn er repräsentiert, was sie nicht nur mit guten oder schlechten Gründen ablehnen, sondern das, demgegenüber sie sich selbstverständlich überlegen fühlen. Geistig und moralisch. Und Kränkung > Denken.

Mich überrascht nicht einmal, dass den Leuten bei SPIEGEL ONLINE und ZEIT ONLINE gar nicht mehr auffällt, wie ihr Flächenbombardement von Trump-Bashing-Artikeln – all the 666 ways Trump is evil – auf den nüchternen Leser wirkt.

Mich überrascht nicht, wie nostalgisch und hagiographisch ihre Artikel zum Abgang von Obama geschrieben sind. Er ist von ihrem Stamme. Nun kommt einer vom anderen Stamme, den Bösen.

Aber immer noch nicht verstanden habe ich, warum Obamas Tote so wenig zählen, die zum guten Teil auch Hillarys Tote sind. Wie wenig Hillarys Tote gezählt haben, und die zu erwartenden Toten, wäre sie Präsidentin geworden. Sie hatte bereits den Irakkrieg unterstützt und stand für eine kriegerische Außenpolitik.

Um zu den Guten zu gehören, muss man anscheinend nicht wirklich gut sein. Das ist dann nicht nötig. Wer zu den Bösen gehört, den Anderen, ist böse, auch wenn er Frieden will.

Und der Blindheit in dieser Frage unterliegen im medialen Establishment vor allem Leute, die – so scheint es – auf ihre Gesinnungstugend sicherlich eine Menge geben.

Wolfgang Herles hat heute etwas Kluges geschrieben, in allgemeinerem Zusammenhang und gemünzt auf Deutschland:

Der Sauerstoffmangel der deutschen Demokratie kommt daher, dass die Frage gut oder böse mehr zählt als die Frage richtig oder falsch. Über das vermeintlich Gute muss man nicht streiten. Über das vermeintlich Richtige schon. Tugendterroristen setzen sich nicht mit Argumenten auseinander, sondern qualifizieren Argumente moralisch ab. Die Methode funktioniert, solange die Angst der Andersdenkenden vor Isolation größer ist als ihre Zivilcourage…

Das ist völlig richtig und die Frage, wie es dazu kam, dass dieser Sauerstoffmangel sich in den letzten Jahren so verschärft hat, ist interessant.

Ich frage mich aber noch etwas anderes. Woher kommt es, dass die Menschen, für die Gut und Böse die entscheidende Kategorie zu sein scheinen, sich so wenig damit auseinandersetzen, was denn nun wirklich gut und was böse ist. Mir scheint immer mehr, dass das letztlich vor allem Chiffren sind für „Wir“ und „Die“. Hat man sich und andere einem Stamme zugeordnet, hat sich die Frage nach Gut und Böse im Grunde bereits erledigt. Entscheidend ist der Katalog der Zuordnungsregeln, und die heben auf kulturelle Merkmale und Ansichten zu bestimmten Themen ab, nicht aber auf Folgen des Handelns. Dem Anderen muss auch keine Schonung mehr gewährt werden.

Der blinde Fleck deckt dann einen Großteil des Sichtfeldes ab.

Da kann man bei anderen wenig tun. Zumindest weiß ich nicht, was.

Man kann sich nur bemühen, sich immer wieder nach den Folgen des Tuns zu fragen. Und die Frage nach Richtig und Falsch zu beantworten, bevor man von Gut und Böse spricht. Nicht zu oft in die Falle des Tribalismus zu tappen und sich immer wieder zu prüfen, ob man dort selbst drinsteckt, und dann wieder herauszuklettern.

Weitere Links folgen später.

 

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