Noch einmal zur Leckmichkraft

Manche Dinge sind nur mit Leckmichkraft zu schaffen. Leckmichkraft ist die Fähigkeit, aus der trotzigen Nichtanerkennung von Konventionen Vorteile zu ziehen. Dabei kann es um Konventionen des Miteinanders im weiteren Sinne, aber auch um Konventionen des Denkens gehen. Der innere Impuls des Trotzes gegenüber Ersteren ist nicht gleich dem Impuls des Trotzes gegenüber Letzterem.

Trumps Trotz gegenüber Denkkonventionen – sein nüchterner Blick auf die außen- und wirtschaftspolitischen Interessen der USA – ist für mich völlig nachvollziehbar und hat in meinen Augen sogar Chancen, den USA erheblich zu nützen.

„We will seek friendship and goodwill with the nations of the world, but we do so with the understanding that it is the right of all nations to put their own interests first. We do not seek to impose our way of life on anyone, but rather to let it shine as an example. We will shine for everyone to follow.“

(Amtseinführungsrede, 19.1.2017).

Angeblich fand die Debatte im außenpolitischen Establishment der USA zwischen „idealists“ and „realists“ statt. „Idealists“ sind dabei effektiv nicht etwa solche Leute, die eine besonders moralische Außenpolitik wollen, sondern die es zum Ziel erheben, der Welt amerikanische Vorstellungen – ob gutgemeint oder nicht – aufzunötigen. „Realists“ sind nach meinem Eindruck auch nicht diejenigen, die mit kühlem Blick auf die Wirklichkeit die tatsächlichen Interessen der USA verfolgen wollen, sondern diejenigen, die das „great game“ einfach geschickter spielen wollen, aber Einfluss und Dominanz letztlich weiterhin als Werte an sich, nicht aber als Mittel zum Zweck ansehen.

Wesentliche naheliegende Fragen schienen mir in der Debatte des Establishments dabei immer zu kurz zu kommen:

Was nützt den USA ihr weltweiter Einfluss eigentlich?

Verschafft er Sicherheit?

Sichert er Absatzmärkte?

Sichert er Zugriff auf Ressourcen?

Welche Interessen sichert er überhaupt?

Welche Folgen hat das amerikanische Handeln unter ethischen Gesichtspunkten?

Diese Fragen wurden innerhalb des Establishments kaum ausdrücklich diskutiert. Gestellt wurden sie von Linken und Paläokonservativen wie Pat Buchanan.

Trump sieht die enormen Ausgaben für den Apparat, den geringen Nutzen und das absurde Handelsbilanzdefizit der USA und stellt den Konsens in Frage. Verständlicherweise.

Der Apparat und das Establishment haben das nicht gern. Verständlicherweise. Ich hoffe, dass Trump sich in der Außenpolitik, zumindest was seine Vorstellungen zum Verhältnis zu Russland und zur grundsätzlichen Nichteinmischung angeht, durchsetzt. Dazu braucht er die Leckmichkraft.

Die innere Quelle, aus der sie sich speist, ist allerdings verschmutzt. Seine Amtseinführungsrede hätte der Punkt sein können, an dem er zwar seine Positionen bekräftigt, aber sich erkennbar um Versöhnung und Gemeinsamkeit bemüht, ob ehrlich gemeint oder nicht. Stattdessen war sie ein großer Stinkefinger an das gesamte politisch-mediale Establishment; von Versöhnung keine Spur.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das nüchternes Kalkül war. Ich kann mir nicht vorstellen, was das nützt. Man kann nicht dauerhaft mit allen kämpfen, insbesondere, wenn man nicht einmal eine sichere Hausmacht im Kongress hat. Dabei kennt er natürlich die Konventionen und hätte sie hier, ohne sich einen Zacken aus der Populistenkrone zu brechen, einhalten können. Seine Anhänger hätten das ohne Weiteres verstanden. Niemand wäre enttäuscht gewesen.

Er scheint es wirklich einfach so zu meinen und zu glauben, dass das funktioniert, so wie es bisher funktioniert hat. Es scheint wirklich einfach seine Natur zu sein (contra Scott Adams, Zeichner von Dilbert, der Trumps Handeln immer mit kalkulierten „persuasion“-Techniken erklärt hatte und bisher nicht leicht zu widerlegen war). Siehe die Geschichte vom Frosch und dem Skorpion.

Das wird nicht funktionieren. Er wird über seine eigene Hybris stolpern. Das wird vermutlich im Chaos enden.

Was die Außen- und Sicherheitspolitik angeht, drücke ich ihm jedoch die Daumen.

Für die Sabotage von Obamacare aber nicht. Sie wird für Millionen Amerikaner unnötiges Leid bedeuten, wenn das versprochene bessere System nicht kommt. Und das wird nicht kommen, das meinen die Republikaner nicht ernst. Obamacare ist überaus kompliziert und scheint bestenfalls mittelmäßig zu funktionieren, war aber eben das, was Obama unter den Verhältnissen bekommen konnte. Ein sehr hart erkämpfter mittelmäßiger Schritt in die richtige Richtung. Sein größter Verdienst.

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