Nochmal zu Skripal, 8.4.2018

Seit Wochen nage ich geistig an dem Giftgasanschlag, auf den ich mir immer noch keinen Reim machen kann. Angeblich wurde seine Haustür mit dem hochwirksamen Gift beschmiert, wo er damit in Kontakt kam. Dann laufen er und seine Tochter noch stundenlang in der Stadt herum, gehen eine Pizza essen und einen trinken sowie in den Park und werden dann mehr oder weniger gleichzeitig auf einer Parkbank ohnmächtig. Das spricht nicht für eine kompetente Ausführung der Attacke, wenn Mord denn die Absicht war.

Die Briten lehnen sich bei der Suche nach einem Schuldigen sehr aus dem Fenster und machen nicht nur Russland, sondern gleich Putin selbst als „höchstwahrscheinlich“ Schuldigen aus, so, als – unterstellt man rationales Handeln – könnten sie sich sicher sein, sich mit dieser Behauptung nicht zu blamieren. Beweise werden keine vorgelegt; was an bekannten Informationen auf Russland hinweist sind nur die Person Skripals selbst sowie der Umstand, dass Novitschok einmal in der Sowjetunion entwickelt wurde. Das sind keine Beweise für irgendetwas, sondern eben bestenfalls Hinweise. Ich sehe hier folgende Möglichkeiten:

  • Man hat eine Geheimdienstquelle in der Nähe Putins, die tatsächlich derartige Informationen geliefert hat, ob zutreffender- oder unzutreffenderweise. Falls sie da falsch unterrichtet wurden, kann das durchaus auch das Werk eine Doppelagenten sein, der tatsächlich im Auftrag Russlands handelt. Letzteres scheint mir nicht plausibel, aber auch nicht unplausibler als die Vorstellung, Putin selbst habe den Anschlag autorisiert. Auch für die Putin-These gilt natürlich: nur, weil es mir aus zweitausend KM Abstand unplausibel scheint, ist es nicht unmöglich; was weiß ich schon.
  • Man hat zwar keine Informationen, dass der Anschlag von höchster oder überhaupt höherer russischer Stelle abgesegnet worden war, weiß aber um die Verwicklung irgendwelcher Russen in die Angelegenheit, so dass man selbst dann, wenn sich keine Belege für staatliches Handeln finden lassen, immer noch ausreichend abgesichert bleibt. In der westlichen Öffentlichkeit gilt ja: was Russen tun, hat Putin getan.
  • Man kennt die Hintergründe so gut, dass man wenigstens erwartet, die Putin-These werde niemals widerlegt werden, und benutzt einfach die Gelegenheit als Waffe im Kampf gegen Russland.

Auffällig ist in dem Zusammenhang die deutsche Reaktion. Hätten die Briten der deutschen Regierung belastbare Informationen über eine tatsächliche Verwicklung Putins in die Angelegenheit zur Verfügung gestellt, würde ich vier ausgewiesene Diplomaten selbst vor dem Hintergrund, dass Merkel im Konflikt mit Russland immer mit Zurückhaltung agiert hat, für eine ziemlich milde Reaktion halten. Vier erscheint mir aber genau die richtige Zahl, wenn man Solidarität mit den Briten zeigen zu müssen glaubt, aber nicht wirklich hinter der Sache steht.

Das Agieren Russlands auf der anderen Seite erinnert mich an das Verhalten in der MH-17-Affäre. Man zieht in Zweifel, erhebt selbst unbewiesene Anschuldigungen, bohrt an vermeintlichen oder echten Widersprüchen herum wie ein Anwalt vor einer amerikanischen Jury und nimmt es dabei mit der Darstellung der Aussagen der Gegenseite auch nicht allzu genau.

Bei MH-17 schien mir die plausibelste Erklärung, dass die Rebellen das Flugzeug irrtümlich abgeschossen haben. Vernünftigerweise hätte man Russland daraus keinen allzu großen Vorwurf machen können; man darf ein ziviles Flugzeug eben nicht über ein Kriegsgebiet mit Luftangriffen und Luftabwehr fliegen lassen, denn selbst, wenn eine Passagiermaschine und ein Kampfflugzeug an sich unterscheidbar genug sein sollten, kann man solche Irrtümer, ob entschuldbar oder nicht, eben nicht ausschließen. Im damals schon herrschenden Klima konnten die Russen das aber nicht zugeben, denn man hätte den Rebellen bzw. damit (nach der westlichen Auffassung) den Russen einen Irrtum oder auch nur einen benefit of the doubt nicht zugestanden.

Letztlich vermute ich, dass es bei Skripal ähnlich gelagert ist. Irgendwelche Russen, ob mit geheimdienstlichem oder kriminellem Hintergrund, sind ohne Auftrag Putins irgendwie in den Anschlag verwickelt, und Putin weiß, dass es für die Zwecke westlicher Politik und Berichterstattung eben heißt, was Russen tun, hat Putin getan. Also muss seine Strategie sein, Zweifel zu säen und für ausreichend Unklarheit zu sorgen.

Dennoch besteht weiterhin die Möglichkeit, dass Putin selbst dahintersteckt. Erstaunlich ist allerdings, dass ich keinen einzigen vernünftigen Diskussionsbeitrag dazu finden konnte, was er damit habe bezwecken wollen. Dass es ihm vorrangig um den Tod Skripals gegangen sein sollte, halte ich für eine völlig unsinnige These; selten hätte sonst man das Wort „mit Kanonen auf Spatzen schießen“ im Geheimdienstgeschäft besser illustriert gesehen. Also müssten Konflikt und Eskalation die Absicht sein. Warum er das gewollt haben soll – innenpolitisch hat er’s nicht nötig -, dazu hat sich niemand sinnvoll geäußert.

Zuletzt ist es natürlich auch möglich, ein nichtrussischer Akteur habe den Anschlag verübt, um den Konflikt des Westens mit Russland weiter anzuheizen. Es gibt Akteure, die dazu Motiv, Mittel und Gelegenheit hätten, aber es gibt keine bekannten Hinweise auf ihre tatsächliche Verwicklung. Wäre ich ein solcher Akteur, hätte ich mir übrigens natürlich ein paar Russen bzw. Spuren nach Russland (wie den Transport der Substanzen mit einem russischen Flugzeug) mit eingekauft.

 

 

 

Advertisements