Faktencheck und Facebook-Zensur

In den USA steht die Ernennung eines neuen Richters zum Obersten Gerichtshof (Supreme Court) an. Präsident Trump hat Brett Kavanaugh, bisher Richter an einem der zweithöchsten Gerichte (US Courts of Appeal) ernannt, nun ist er vom Senat zu bestätigen. Dazu musste er sich Anhörungen im Senat unterziehen, in denen er auf seine politischen und verfassungsrechtlichen Einstellungen und somit sein zu erwartendes Verhalten bei wesentlichen Entscheidungen abgeklopft wird. Für viele, insbesondere Linke, ist von besonderer Bedeutung, wie sich ein Kandidat hinsichtlich des Rechts auf Abtreibung verhalten wird. Der Supreme Court hatte im Jahr 1973 in der Entscheidung Roe v. Wade aus der Verfassung im Ergebnis ein Recht auf Abtreibung abgeleitet, eine seither stark umstrittene Entscheidung, vielleicht die umstrittenste überhaupt.

Die linke Seite thinkprogress.org hatte nun am 9. September unter der Überschrift

Brett Kavanaugh said he would kill Roe v. Wade last week and almost no one noticed

einen Artikel veröffentlicht, in dem auf Grundlage diverser Äußerungen Kavanaughs geschlussfolgert wird, er würde bei erneuter Verhandlung gegen Roe v. Wade entscheiden. Diese Interpretation erscheint mir plausibel, allerdings kann ich das natürlich nicht wirklich beurteilen. Wörtlich oder ausdrücklich hat er es nicht gesagt; sachlich richtiger wären die Verben „implied“ oder „indicated“ gewesen. Andererseits würde ich in dem Zusammenhang „said“ auch nicht wörtlich verstehen. Nun, Ansichtssache.

Dieser Artikel wurde auch über Facebook geteilt. Über Facebook generiert thinprogress.org einen erheblichen Teil seines Verkehrs.

Facebook hat seit einiger Zeit verschiedene Organisationen mit dem „Faktencheck“ von Meldungen beauftragt. Eine dieser Organisationen ist eine Einheit des Weekly Standard, eine konservative, außenpolitisch insbesondere aber neokonservative Seite (was absolut nicht dasselbe ist). Die neokonservativen Ansichten des Weekly Standard sind mir zuwider; man hat noch nie eine Gelegenheit versäumt, für Krieg und Bombenabwurf zu trommeln. Innenpolitisch sind sie eher skeptisch gegenüber Trump und schockieren mich eigentlich nicht besonders. Als seriös und vor allem neutral würde ich die Zeitschrift aber jedenfalls nicht bezeichnen.

Der Weekly Standard hat nun im Rahmen eines „Faktenchecks“ Anstoß an der Überschrift des Artikels, insbesondere der Formulierung „said“ genommen. Das Posting wurde damit als „false“ eingestuft, was laut einem zweiten Artikel von thinkprogress.org folgende Konsequenzen hat:

As Facebook CEO Mark Zuckerberg recently wrote in the Washington Post, “we demote posts rated als false, which means they lose 80 percent of future traffic.”

When an article is labelled false under Facebook’s third-party fact-checking system, groups that share that article on Facebook receive a notification informing them that the article received a “False Rating” and that “pages and websites” that share the piece “will see their overall distribution and their ability to monetise and advertise removed”.

Als politischer Gegner von thinkprogress.org kann der Weekly Standard bei Facebook also im Ergebnis die Verbreitung von Artikeln verhindern, nur weil man das Verb in deren Überschrift enger interpretiert. Man kann sich darüber auch nicht mit Facebook auseinandersetzen, sondern wird von diesen wieder an den „Faktenchecker“ verwiesen, mit dem man sich zu einigen habe.

Man lese den zweiten Artikel einmal selbst.

Der Wunsch von Facebook, keine Plattform zur Verbreitung von Falschmeldungen zu sein, ist verständlich. Ebenso ist verständlich, dass man die betreffende Beurteilung gerne outsourct und sich aus Auseinandersetzungen darüber heraushalten möchte. Aber sowas kommt dann eben von sowas.

 

 

 

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