Victim Blaming und der Nebel im Kopf – Presseschätzchen des Tages 4.11.2018

Bei der Süddeutschen Zeitung schreiben eine Menge Menschen, die ein Problem mit dem Urteilsvermögen haben. Das ist nicht neu. Bemerkenswert ist aber dieses aktuelle kleine Schmuckstück aus der Feder von Julian Dörr dennoch.

Die Freiburger Gruppenvergewaltigung hat ja wohl jeder mitbekommen. Nun schreibt Dörr:

Zum Schutz vor sexualisierter Gewalt rät der Freiburger Polizeipräsident: „Macht euch nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen“. Das verkennt und verharmlost die Realität.

Man muss es direkt nebeneinanderstellen, damit die ganze frustrierende Absurdität dieser Aussage sichtbar wird. In Freiburg wird eine 18-jährige Studentin nach einer Nacht im Großraumclub mutmaßlich von acht Männern vergewaltigt. Und in einem Interview mit dem Spiegel gibt Bernhard Rotzinger, Polizeipräsident der Stadt, den Ratschlag: „Macht euch nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen.“

Dieser Satz ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Reflexes. Es gibt ihn in diesem Land und eigentlich fast überall auf der Welt immer dann, wenn es um Fälle sexualisierter Gewalt und Vergewaltigungen geht. Dieser Reflex stellt immer zuerst dieselbe Frage: War das Opfer nicht vielleicht auch ein bisschen selbst schuld? Mit seinem leichtsinnigen Verhalten, seiner provokanten Kleidung? Dieser Reflex nennt sich victim blaming. Und er trifft in den allermeisten Fällen Frauen.

Und so geht es eine ganze Weile weiter.

Nein, Herr Dörr. Sie haben das vollkommen falsch verstanden. Es hat mit victim blaming nichts zu tun, wenn man Ratschläge gibt, wie man Risiken vermeidet. Jeder vernünftige Vater wird seiner Tochter irgendwann einmal diesen Rat geben. Jede Mutter auch. Es ist sogar schon aus gesundheitlichen Gründen ein guter Rat und entlässt, anders als Dörr schreibt, Männer keineswegs aus ihrer Verantwortung. Es wäre im Gegenteil verantwortungslos, solche Ratschläge zu unterlassen. Verantwortungsvolle Menschen erteilen ständig vergleichbare Empfehlungen, beispielsweise gibt das Auswärtige Amt Reisewarnungen heraus, des Inhalts, dass man bestimmte Gegenden oder in ihnen bestimmte Verhaltensweisen besser meiden möge. Das ist nichts anderes und hat mit victim blaming nichts zu tun. Irgendwelche Rebellen in Belutschistan haben ebenso wenig das Recht, einen Reisenden zu überfallen, als irgendwelche Männer, eine Frau zu vergewaltigen, wehrlos oder nicht. Dennoch wird jeder einsehen, dass solche Reisewarnungen ihren Sinn haben.

Das ist so offensichtlich, dass man sich fragen muss, wie es eigentlich kommt, dass Leute wie Dörr solchen Unfug schreiben. Es gibt wohl einfach eine Sorte Menschen, die automatisch ein gewisser Eifer packt, wenn sie die Gelegenheit sehen, ihre eigene Tugend und Rechtgläubigkeit zu signalisieren. Ebenso werden manche davon ergriffen, wenn sie eine Chance sehen, sich moralisch über andere zu erheben. In Kombination wird daraus gerne solch blinder Eifer, gegen den die Vernunft wenig auszurichten vermag. Viele Menschen haben klares, präzises Denken ohnehin nie wirklich gelernt.

Konzepte wie „Rassismus“, „Sexismus“, „Diskriminierung“ und „victim blaming“ sind machtvolle Auslöser solchen Eifers und verbreiten im Kopf vieler dazu von vornherein einen gewissen Nebel, der den Eingriff der Vernunft verhindert.

In dem Kommentar Dörrs scheint mir auch eine Weigerung erkennbar, die Wirklichkeit so zu nehmen, wie sie ist. Was nicht sein darf, kann zwar vielleicht trotzdem sein, darauf entsprechend zu reagieren bedeutet aber quasi eine Kapitulation. Diese verbreitete Attitüde findet sich besonders häufig in Menschen, die beruflich nicht in systematischer Weise damit konfrontiert werden, ob das, was sie tun, das Richtige ist und funktioniert. Julian Dörr hat Publizistik und Filmwissenschaft studiert – das ist eigentlich schon ein Warnhinweis – und ob das, was er schreibt, zutrifft oder sich irgendwann als gültige Voraussage erweist, braucht ihn im Grunde nicht zu kümmern. Klempner, Unternehmer und Ingenieure etwa werden auf ihre Schlampigkeiten und Fehler meist irgendwann hingewiesen, gelegentlich auf eine bittere Weise. So lernen sie dazu.