Strafrecht in den USA: Ein Elfjähriger bekommt lebenslänglich. Und ist unschuldig.

Die amerikanische Verfassung war ein Meilenstein der Weltgeschichte, aber nach heutigen Maßstäben ist sie teilweise löchrig und überholt. Die achte Ergänzung (eighth amendment) brachte bereits 1791 immerhin das Verbot von „cruel and unusual punishment“, also „grausamer und ungewöhnlicher Strafen“, aber so etwas wie die Art. 1 Grundgesetz oder den Gedanken des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes enthält sie nicht. Darum kann man auch einen Elfjährigen zu lebenslänglich verurteilen, auf Grundlage der Aussagen seiner siebenjährigen Schwester. Sieben Jahre später wird er freigesprochen.

 

 

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Skripal: auffällige Zufälligkeiten

Ich habe keine Ahnung, wer den Anschlag auf die Skripals ausgeführt hat. Es mögen Russen gewesen sein, Briten, Amerikaner, Saudis, Türken, Israelis, jeweils staatliche Akteure mit Segen von oben oder auf eigene Faust handelnde Agenten, irgendwelche Kriminelle oder Parteien, die man überhaupt nicht auf dem Radar hat. Wobei ich hier Saudis, Türken und Israelis quasi der Vollständigkeit halber aufführe; meine Vermutungen gehen nicht in eine solche Richtung. Wie dem auch sei, das Verhalten der britischen Behörden scheint mir in jedem Falle höchst verdächtig. Man sagt uns nicht die Wahrheit. Siehe auch dieser frühere Beitrag.

Man muss sich dabei vor Augen halten, dass die Theorie, es handele sich um eine false-flag-Aktion, nicht mehr „Verschwörungstheorie“ ist als „Putin war’s“. Gegenüber false-flag-Theorien ist natürlich immer Vorsicht geboten, schließlich sind sie ein bequemes und immer anwendbares Mittel, Belastendes wegzudiskutieren, aber natürlich gibt es solche Aktionen. Damals, als der SPIEGEL noch ein gegenüber amtlichen Behauptungen skeptisches Medium war, hat es übrigens nicht lange gedauert, bis die Plutonium-Affäre aufflog, hinter der der BND stand. Heute können Behörden auf eine dozile Presse vertrauen, wenn sie mit ihren Aktionen im gängigen Narrativ bleiben.

Nun wird bekannt, dass die ersten Leute, die die Skripals auf der Bank fanden (und ihnen gleich erste Hilfe angedeihen ließen, sich dabei aber offenbar nicht selbst vergiftet haben), die frisch beförderte, höchstrangige Krankenschwester der britischen Armee (im Range eines Colonels, also Oberst) und ihre Tochter waren. Das kann natürlich reiner Zufall sein, aber so reiht sich in der Sache Auffälligkeit an Auffälligkeit.

Nachtrag:

  1. In diesem Bericht sieht man ein u.a. ein Bild des Hauses von Sergej Skripal. Natürlich kann man am hellichten Tag zu einem Haus am Ende einer Sackgasse wandern und sich an der Tür eines aus gutem Grund misstrauischen Menschen, der sich zu diesem Zeitpunkt mitsamt vermutlich ebenfalls misstrauischer Tochter dort aufhält und der um dergleichen Mordmöglichkeiten weiß, zu schaffen machen. Geht. Aber würde man das auch so tun?
  2. Es wäre absurd, zu glauben, „Putin“ habe Skripal einfach beseitigen wollen und dann habe man Nowitschok halt als das geeignete Mittel ausgewählt. Falls es einen Mord- oder jedenfalls Anschlagsplan von höchster russischer Seite, ob nun mit Putins Wissen oder nicht, gegeben hat, dann kann die Wahl von Nowitschok nur damit begründet werden, dass man entweder der Öffentlichkeit oder aber einer bestimmten Zielgruppe, etwa Ex-Agenten, Exiloligarchen oder wesentlichen Geheimdiensten, unmissverständlich demonstrieren wollte, dass man zu allem bereit ist, wenn man will, und sich um Konsequenzen nicht schert. Das ist immerhin denkbar und konsequent, aber ist es plausibel? Welches damit verfolgte „Kommunikations“ziel könnte die negativen Folgen rechtfertigen?Ich will diese Möglichkeit nicht gänzlich ausschließen, vor allem aus dem Grund, dass man ja nicht in die Köpfe anderer schauen kann und diese wesentliche Motive und Einstellungen haben mögen, über die man gar nichts weiß. Zuletzt machen auch höchstrangige, anzunehmenderweise kompetente Menschen gelegentlich dummes Zeug. Wäre die offizielle Darstellung des Tathergangs und weiteren Ablaufs von britischer Seite plausibel und widerspruchsfrei, könnte ich die Hypothesen „Nowitschok war eine absichtlich hinterlassene Visitenkarte“ oder „irgendwelche russischen Oberen haben sich halt blöd angestellt“ ernster nehmen.
  3. Der merkwürdig verhalten scheinende Ehrgeiz der britischen Presse, dem Fall wirklich auf den Grund zu gehen, wird vielleicht zum Teil dem Instrument der „DSMA-Notice“ geschuldet sein, mit der die britische Regierung die Presse auf vertraulichem Wege auffordert, über bestimmte Dinge nicht zu berichten. Sie kamen in der Skripal-Affäre nachweislich zum Einsatz. Offenbar sind sie rechtlich nicht verpflichtend, scheinen aber respektiert zu werden.
    Für die wenig neugierige deutsche Presse sind DSMA-Notices allerdings keine Entschuldigung.

 

 

Twitterer des Tages 19.1.2019

Man kann seine Lektüre bzw. deren Autoren nach Sympathie oder Kongruenz mit den eigenen Ansichten auswählen, nach deren Beitrag zum eigenen Wohlbefinden oder aber danach, ob man durch sie klüger wird, ob man nun zustimmt oder nicht. Sogar auf Twitter kann, wer Letzteres will, fündig werden.

Das Wunder des menschlichen Vaters

In einer Zeit allgegenwärtiger Angriffe auf das Männliche an sich, unter dem Vorwand, tatsächlich oder vermeintlich pathologisches männliches Verhalten zu kritisieren, ist ein wohlwollender und vernünftiger Blick erholsam. In dem Artikel The marvel of the human dad befasst sich die Anthropologin Anna Machin im vom Zeitgeist unverdorbenen aeon Magazin mit der Funktion menschlicher Väter und dem Umstand, dass sie sich anders als die allermeisten anderen Primaten (oder Tiere allgemein) überhaupt um ihren Nachwuchs kümmern.

Beobachtung am Rande: gleich zwei der aktuellen Artikel bei aeon sind mit Gemälden von Caspar David Friedrich bebildert. Allein das macht sie sympathisch.

Schätzchen des Tages 19.1.2019

Das Leben von Sandy Denny (1947 – 1978) war kurz und zuletzt nicht sehr schön. Aber ihre Musik! Wie viel besser, sich früh zu verabschieden, und solch ein Werk zu hinterlassen, als 75 Jahre Mittelmaß ohne Vermächtnis. Wenn das die Alternative ist, was natürlich nicht der Fall ist. Sie hat schon ein Schätzchen beigesteuert. Alle ihre Alben sind hörenswert, aber jemand scheint sorgfältig über die Rechte zu wachen, daher findet man zwar viele Lieder, jedoch nur ein paar ganze Alben von ihr auf Youtube. Eines davon ist ihr erstes Album mit Fotheringay, eine Band, die sie nach ihrem Ausscheiden bei Fairport Convention gründete und der nicht der gleiche Erfolg wie ihrer früheren Band beschieden war. Was verständlich ist, denn das Album ist auch nicht ganz so gut wie die früheren, oder auch wie ihre späteren Soloalben, aber immer noch eine wunderbare Begleitung für einen ruhigen, sonnigen Wintertag.