Skripal, erneut 18.4.2018

In der Skripal-Affäre halte ich es für letztlich die naheliegendste Theorie, dass das Gift tatsächlich aus Russland stammt, und zwar aus Beständen, die in den Wirren der Neunziger in die falschen Hände gelangt sind. Die Russen selbst können diese These nicht vertreten, da im Westen wie gesagt ja gilt, was Russen tun, hat Putin getan. Also müssen sie Spuren verwischen und Unklarheit stiften. Auf der immer lesenswerten Seite consortiumnews.com findet sich eine gehaltvolle Analyse zu dem Fall, die meine Theorie unterstützt.

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Schätzchen des Tages 16.4.2018

Schubert-Lieder auf der Gitarre? Ich glaubte nicht, dass das wirklich funktionieren würde. Wenn aber ein Meister wie Hubert Käppel am Werke ist, ist das Ergebnis bemerkenswert.

1 Schwanengesang, D. 957: No. 4, Ständchen (Arranged for Guitar) 00:00
Von Franz Schubert
2 Schwanengesang, D. 957: No. 1, Liebesbotschaft (Arranged for Guitar) 03:45
Von Franz Schubert
3 Schwanengesang, D. 957: No. 5, Aufenthalt (Arranged for Guitar) 07:42
Von Franz Schubert
4 Romanze in F Major, Op. 118 No. 5 (Arranged for Guitar) 11:25
Von Johannes Brahms
5 Intermezzo in A Minor, Op. 76 No. 7 (Arranged for Guitar) 16:03
Von Johannes Brahms
6 Intermezzo in E-Flat Major, Op. 117 No. 2 (Arranged for Guitar) 20:36
Von Johannes Brahms
7 Reverie, Op. 19 (Nocturne) 25:55
Von Giulio Regondi
8 Introduction et caprice, Op. 23 34:59
Von Giulio Regondi
9 Kinderszenen, Op. 15: No. 7, Träumerei (Arranged for Guitar) 44:17
Von Robert Schumann

Syrien, 11.4.2018

Zahllos sind die Artikel und Kommentare zum Thema Syrien. Kaum ein Journalist diskutiert, ob denn nun wirklich Assad für den Giftgaseinsatz in Duma verantwortlich ist. Allerdings wird in vielen Forenbeiträgen diese Frage gestellt. Sie liegt ja nun wirklich nahe, denn warum sollte er es tun – die Enklave stand kurz vor der Einnahme, militärisch hilft das nicht viel, ist aber natürlich geeignet, eine harte Reaktion der USA zu provozieren. Und das nur Tage, nachdem Trump den Rückzug aus Syrien angekündigt hatte. Assad ist aber nicht dumm. Es ist ja auch nicht das erste Mal, dass das so abläuft. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt? Ein Schelm oder Dummkopf, wer die Schuldfrage nicht stellt. Ich kann sie nicht beantworten, aber die Umstände sprechen nicht für einen Befehl Assads. Hingegen gibt es genug Parteinen, die die USA in diesen Krieg hineinziehen möchten und vor einer entsprechenden Inszenierung nicht zurückschrecken würden.

In der WeLT kommentiert Jacques Schuster die Situation; letztendlich ist er gegen einen symbolischen Schlag, lässt aber ein wenig offen, ob er nun den großen Krieg möchte. Er fragt natürlich auch nicht, was nach einem Regime Change käme; das ist solchen Leuten egal. Hübsch bzw. hübsch dämlich ist gleich der einleitende Absatz:

Sieht man von den Einflussagenten Russlands in Deutschland ab, die in der AfD und in der Linkspartei sitzen, wird man keinen ernsthaften Zeitgenossen finden, der Syriens Tyrannen noch einen Tag länger morden sehen will. Assad muss weg! Wer würde sich diesem Ruf verweigern. Doch wie soll er verschwinden? Mithilfe eines Militärschlags?

Klar. Einflussagenten Russlands.

Aber das ist der deutsche Journalismus.

Schätzchen des Tages 9.4.2018

Schaut man Magdalena Kožená beim Singen zu, würde man nicht erwarten, dass die engelhaften, aber vollen und runden Töne aus ihrem Mund kommen. Ihr zuzuschauen ist allerdings, mag man Frauen und ist anders als ich gegen Blondinen nicht gefeit, ein Spiel mit dem Feuer; sie könnte einem das Herzchen wegsingen, das zarte.

Hier ist sie mit jeweils zwei Arien von Händel – Cara Speme und Piangero la sorte mia
aus Giulio Cesare in Egitto – und von Bach – Kommt, ihr angefochtnen Sünder aus der Kantate Freue dich, erlöste Schar BWV 30 sowie Schafe können sicher weiden aus der Kantate Was mir behagt, ist nur die muntre Jagd BWV 208.

Zuletzt noch einmal Piangero la sorte mia, diesmal zum Vergleich und ganz hervorragend gesungen von Anna Kasyan.

Nochmal zu Skripal, 8.4.2018

Seit Wochen nage ich geistig an dem Giftgasanschlag, auf den ich mir immer noch keinen Reim machen kann. Angeblich wurde seine Haustür mit dem hochwirksamen Gift beschmiert, wo er damit in Kontakt kam. Dann laufen er und seine Tochter noch stundenlang in der Stadt herum, gehen eine Pizza essen und einen trinken sowie in den Park und werden dann mehr oder weniger gleichzeitig auf einer Parkbank ohnmächtig. Das spricht nicht für eine kompetente Ausführung der Attacke, wenn Mord denn die Absicht war.

Die Briten lehnen sich bei der Suche nach einem Schuldigen sehr aus dem Fenster und machen nicht nur Russland, sondern gleich Putin selbst als „höchstwahrscheinlich“ Schuldigen aus, so, als – unterstellt man rationales Handeln – könnten sie sich sicher sein, sich mit dieser Behauptung nicht zu blamieren. Beweise werden keine vorgelegt; was an bekannten Informationen auf Russland hinweist sind nur die Person Skripals selbst sowie der Umstand, dass Novitschok einmal in der Sowjetunion entwickelt wurde. Das sind keine Beweise für irgendetwas, sondern eben bestenfalls Hinweise. Ich sehe hier folgende Möglichkeiten:

  • Man hat eine Geheimdienstquelle in der Nähe Putins, die tatsächlich derartige Informationen geliefert hat, ob zutreffender- oder unzutreffenderweise. Falls sie da falsch unterrichtet wurden, kann das durchaus auch das Werk eine Doppelagenten sein, der tatsächlich im Auftrag Russlands handelt. Letzteres scheint mir nicht plausibel, aber auch nicht unplausibler als die Vorstellung, Putin selbst habe den Anschlag autorisiert. Auch für die Putin-These gilt natürlich: nur, weil es mir aus zweitausend KM Abstand unplausibel scheint, ist es nicht unmöglich; was weiß ich schon.
  • Man hat zwar keine Informationen, dass der Anschlag von höchster oder überhaupt höherer russischer Stelle abgesegnet worden war, weiß aber um die Verwicklung irgendwelcher Russen in die Angelegenheit, so dass man selbst dann, wenn sich keine Belege für staatliches Handeln finden lassen, immer noch ausreichend abgesichert bleibt. In der westlichen Öffentlichkeit gilt ja: was Russen tun, hat Putin getan.
  • Man kennt die Hintergründe so gut, dass man wenigstens erwartet, die Putin-These werde niemals widerlegt werden, und benutzt einfach die Gelegenheit als Waffe im Kampf gegen Russland.

Auffällig ist in dem Zusammenhang die deutsche Reaktion. Hätten die Briten der deutschen Regierung belastbare Informationen über eine tatsächliche Verwicklung Putins in die Angelegenheit zur Verfügung gestellt, würde ich vier ausgewiesene Diplomaten selbst vor dem Hintergrund, dass Merkel im Konflikt mit Russland immer mit Zurückhaltung agiert hat, für eine ziemlich milde Reaktion halten. Vier erscheint mir aber genau die richtige Zahl, wenn man Solidarität mit den Briten zeigen zu müssen glaubt, aber nicht wirklich hinter der Sache steht.

Das Agieren Russlands auf der anderen Seite erinnert mich an das Verhalten in der MH-17-Affäre. Man zieht in Zweifel, erhebt selbst unbewiesene Anschuldigungen, bohrt an vermeintlichen oder echten Widersprüchen herum wie ein Anwalt vor einer amerikanischen Jury und nimmt es dabei mit der Darstellung der Aussagen der Gegenseite auch nicht allzu genau.

Bei MH-17 schien mir die plausibelste Erklärung, dass die Rebellen das Flugzeug irrtümlich abgeschossen haben. Vernünftigerweise hätte man Russland daraus keinen allzu großen Vorwurf machen können; man darf ein ziviles Flugzeug eben nicht über ein Kriegsgebiet mit Luftangriffen und Luftabwehr fliegen lassen, denn selbst, wenn eine Passagiermaschine und ein Kampfflugzeug an sich unterscheidbar genug sein sollten, kann man solche Irrtümer, ob entschuldbar oder nicht, eben nicht ausschließen. Im damals schon herrschenden Klima konnten die Russen das aber nicht zugeben, denn man hätte den Rebellen bzw. damit (nach der westlichen Auffassung) den Russen einen Irrtum oder auch nur einen benefit of the doubt nicht zugestanden.

Letztlich vermute ich, dass es bei Skripal ähnlich gelagert ist. Irgendwelche Russen, ob mit geheimdienstlichem oder kriminellem Hintergrund, sind ohne Auftrag Putins irgendwie in den Anschlag verwickelt, und Putin weiß, dass es für die Zwecke westlicher Politik und Berichterstattung eben heißt, was Russen tun, hat Putin getan. Also muss seine Strategie sein, Zweifel zu säen und für ausreichend Unklarheit zu sorgen.

Dennoch besteht weiterhin die Möglichkeit, dass Putin selbst dahintersteckt. Erstaunlich ist allerdings, dass ich keinen einzigen vernünftigen Diskussionsbeitrag dazu finden konnte, was er damit habe bezwecken wollen. Dass es ihm vorrangig um den Tod Skripals gegangen sein sollte, halte ich für eine völlig unsinnige These; selten hätte sonst man das Wort „mit Kanonen auf Spatzen schießen“ im Geheimdienstgeschäft besser illustriert gesehen. Also müssten Konflikt und Eskalation die Absicht sein. Warum er das gewollt haben soll – innenpolitisch hat er’s nicht nötig -, dazu hat sich niemand sinnvoll geäußert.

Zuletzt ist es natürlich auch möglich, ein nichtrussischer Akteur habe den Anschlag verübt, um den Konflikt des Westens mit Russland weiter anzuheizen. Es gibt Akteure, die dazu Motiv, Mittel und Gelegenheit hätten, aber es gibt keine bekannten Hinweise auf ihre tatsächliche Verwicklung. Wäre ich ein solcher Akteur, hätte ich mir übrigens natürlich ein paar Russen bzw. Spuren nach Russland (wie den Transport der Substanzen mit einem russischen Flugzeug) mit eingekauft.