Schätzchen des Tages 10.10.2017

Blue Cheer mit Vincebus Eruptum, früher Heavy Metal / Acid Rock / whatever (1968). Stört bei der Lektüre von Rilke- oder Hofmannsthal-Gedichten, klärt aber manchmal recht wirkungsvoll das Gemüt.

 

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Schätzchen des Tages 8.10.2017

Peter Rowan war als Solokünstler nie besonders erfolgreich und ist in Deutschland nur wenig bekannt. Dabei macht er so wunderbare Musik, zwischen Bluegrass, Folk und Country. Hier ist sein schönstes mir bekanntes Album, „Dust Bowl Children“.

Der Titelsong eingangs des Album setzt eine eher trübe Note. Man sollte sich davon nicht abschrecken lassen. Das Album ist ein Meisterwerk musikalischer Poesie, besonders „Barefoot Country Road“ ab 11:50 und „Forest for the Trees“ ab 31:50.

 

 

Presseschätzchen des Tages 7.10.2017

Man soll sich ja nicht aufregen. Man soll gelassen bleiben. Aber manchmal ist das besonders schwer. Manchmal kommt einem die kalte und die heiße Wut gleichzeitig. So ging es mir leider bei diesem dummen Artikel von Kristin Helberg zu Syrien auf ZEIT online. Der Ausgangspunkt ist soweit nicht falsch; Assad wird wohl gewinnen, aber er ist nicht mehr Herr im Hause, er hat beschränkte Macht und muss diejenigen, die ihn an der Macht gehalten haben – „Iran, Russland, Milizenführer, Gangster“ und Geschäftsleute – belohnen. Und was sollten wir laut Frau Helberg tun?

  • Ende der deutschen Beteiligung an der westlichen Militärintervention – ok, gern.
  • Eine Normalisierung der Beziehungen zum Assad-Regime, keine Eröffnung von diplomatischen Vertretungen, keine geheimdienstliche Zusammenarbeit – nun ja, kann man diskutieren.
  • „Kein Wiederaufbau mit Damaskus“, wg. Machtfestigung und Korruption – hm
  • Berlin sollte „eine Führungsrolle bei der juristischen Verfolgung von Verbrechen des Assad-Regimes übernehmen und die Bundesanwaltschaft dafür mit mehr Personal im Völkerstrafrechtsreferat ausstatten“ – klar, wer könnte das besser als wir.
  • „Mehr Förderung für die syrische Zivilgesellschaft, auch wenn diese im Land kaum noch Handlungsspielraum hat. Viele Aktivisten sind ins Ausland geflohen, wo man sie unterstützen, ausbilden und auf eine zukünftige Rolle in einem demokratischen Syrien vorbereiten kann.“

„Was Syrien jetzt braucht, ist eine klare Haltung. Da das Land mit diesem Regime keinen Frieden finden wird, sollten wir es mindestens ächten. Dabei geht es nicht um die Person Assads, sondern um das System dahinter. Erst wenn der Sicherheitsapparat entmachtet und die Hauptverantwortlichen für die Verbrechen angeklagt sind, werden Syrer Hoffnung schöpfen und zurückkehren. “

Klar. Unsere Haltung ist gefragt. Assad wird gewinnen, aber dann muss man auf seine Beseitigung hinarbeiten. Wir fördern die Zivilgesellschaft von außen und setzen die Bundesanwaltschaft auf Syrien an, irgendwann löst sich das Regime auf wie der Nebel in der Sonne und es herrschen Freiheit und Demokratie, wie sie vermutlich schon lange geherrscht hätten, hätte Assad nicht im Wege gestanden.

Wie dumm (Edit: Kraftausdruck abgemildert) muss man dafür sein? Auf welchem Wege soll das passieren? Was sind die Chancen für eine freiheitliche Demokratie in einem zerrissenen Land wie Syrien, das dann einen blutigen Bürgerkrieg (hoffentlich) hinter sich haben wird? In dem ja – wie sie selbst sagt – Russland und Iran und andere auch noch ein Wörtchen mitzureden haben? Was kommt nach Assad?

Verantwortliches Handeln hieße, die Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen, Szenarien zu analysieren, Handlungsalternativen zu bestimmen und ihre Folgen abzuwägen. Was ist unter den tatsächlichen Gegebenheiten das vermutlich Beste für die Syrer?

All dies interessiert Frau Helberg nicht (Nachtrag: obwohl sie Syrien ja zweifellos gut kennt), und da ist sie leider in allerschlechtester Gesellschaft mit dem Gros nicht nur der deutschen Journalisten. Die eigene billige Erzählung von Gut und Böse hat Vorrang, Assad muss weg, pereat Syria noch einmal, bzw. über pereat muss man nicht nachdenken, denn Friede, Freude, Eierkuchen. Irak und Libyen haben ja auch nicht stattgefunden.

Das ist (Edit: abgemildert) amoralisch und diese Einstellung hat in den vergangenen Jahren zum humanitären Desaster in Syrien erheblich beigetragen. Zum Leid von Millionen Menschen.

Dennoch habe ich keine Zweifel, dass sich Frau Helberg für einen guten Menschen hält, denn tugendhaft sind ihre Ansichten.

Leider sind die deutschen Redaktionen voll von solchen Leuten.

Und natürlich, am Ende des Artikels:

„Erst wenn der Sicherheitsapparat entmachtet und die Hauptverantwortlichen für die Verbrechen angeklagt sind, werden Syrer Hoffnung schöpfen und zurückkehren. Bis dahin sollten wir ihre Integration in Deutschland vorantreiben, auch indem wir ihnen ermöglichen, ihre Familien zu sich zu holen. Denn vieles, was sie hier lernen, könnte in einem Syrien nach Assad von Nutzen sein.“

Ist klar.

Nachtrag:

Kristin Helberg hat lange in Syrien gelebt und ist mit einem Syrer verheiratet. Syrien ist, wenig überraschenderweise, ihr Thema, sie ist zweifellos Syrien-Expertin. Auf ihrer Website http://www.kristinhelberg.de/ kann man ihre medialen Beiträge der letzten Jahre zu diesem Thema nachlesen und -hören. Die Beiträge sind recht differenziert und informiert; um so differenzierter allerdings, scheint mir, je älter sie sind; seit etwa 2012 ist Assad vor allem der Verbrecher, der weg muss. Sie hat an die Chance der Rebellion, die anfänglich teils vom Ausland gesteuert, teils eine revolutionäre Graswurzelbewegung war, geglaubt.

Ob Assad sich halten würde, das konnte man nicht wissen. Aber dass dort, wer immer gewinnt und was immer der Westen tut, nicht Frieden und Demokratie ausbrechen würden, das schien mir immer klar. Dass Regimegegner, die eine friedliche, säkuläre oder gemäßigt religiöse, tolerante Demokratie anstrebten, gegen die restliche Opposition gewinnen würden, schien nie plausibel. Dass eine Strategie, die darauf zielte, den bewaffneten Widerstand zu stärken, um das Regime zum Nachgeben oder Abdanken zu bewegen, scheitern oder im Chaos enden würde, schien mir immer offenkundig, nicht erst heute. Eine realistische westliche Politik hätte die sehr große, warzige Kröte schlucken müssen, dass eine Zukunft mit Assad, wie groß seine Verbrechen auch sein mögen (die es allerdings ohne ausländische Unterstützung für den Aufstand großenteils auch nicht gegeben hätte), für Syrien besser ist als ein Krieg gegen ihn. Selbst wenn dieser gewonnen würde. Sie hätte sich bemüht, einen Weg zu finden, mit dem auch er leben kann.

Aber verantwortliche Politik heißt manchmal eben, Kröten zu schlucken. Und auch als Journalist muss man vielleicht emotionale Investitionen irgendwann einmal abschreiben und seine Erzählung aufgeben.

Nun sind Hunderttausende tot, Millionen vertrieben, das Land teilweise in Trümmern und er ist immer noch an der Macht. Heckuva job.

Vielleicht lernt man daraus.